Pressetext zur Ausstellung in der Galerie Britta von Rettberg, München

 – Marion von Schabrowsky, Kunsthistorikerin – 

Kontemplation, Konzept und reine Malerei – die Werke von Gabriele Angel Leinenbach ziehen durch ihre Schönheit den Blick des Betrachters auf sich und durch ihre Tiefe halten sie ihn, um das ‚Sein‘ als das zu verinnerlichen, was es ist.

Gabriele Angel Leinenbachs Arbeiten sind eine Hommage an die pure Schönheit und Erhabenheit der Natur –  in all ihren flüchtigen Phänomenen als auch konkreten Erscheinungen. Letztere schlagen sich in einem Motiv nieder, dass im Schaffen der Künstlerin immer wiederkehrt.

Die Künstlerin wählt berühmte Berge wie den Mount Everest, das Matterhorn oder den Nuptse im  Himalaya Gebirge, die in ihren gewaltigen Ausmaßen zum kraftvollen Symbol der in der Welt wirkenden Naturgewalten werden.

Gabriele Angel Leinenbach greift damit ein Bildmotiv auf, das eine ganz besondere Bedeutung in der menschlichen Kultur und der gesamten Kunstgeschichte spielt: Als uraltes Symbol bedeutet der Berg die Nähe zu himmlischen Gefilden. So mancher Berg galt sogar als direkter Heim- und Wirkstätte der Götter: Auf dem Berg Sinai überreichte Gott Moses die Tafel der 10 Gebote, der Himalaya ist Sitz von Shiva, Zeus thronte auf dem Olymp während sich Apollo – der Gott des Lichts und der Künste – sich im Kreis seiner neun Musen auf dem Parnass niederließ.

Von den Gipfel der Berge reiste Gabriele Angel Leinenbach malerisch noch höheren und weiteren Sphären entgegen: Dem Kosmos.

Bildnerisch hat sich der Ausflug in den Weltraum in der Serie der Space-Bilder niedergeschlagen, mit der die Unvorstellbarkeit der weiten Dimension und die Fülle von Existenzformen zum Ausdruck gebracht wird, die fern jeglicher Vorstellungen liegen. Fotografien von Nordlichter und der Milchstraße waren Inspirationsquelle. In den Bildern wird das Auge des Betrachters in diese endlosen Weiten gezogen, wo man sich im Spannungsfeld von Zeit und Raum bewegt.

Mit den Berg- und Space-Bildern erlaubt sich Gabriele Angel Leinenbach, im Schwebezustand zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit zu gleiten. Das eine ist für sie nicht ohne das andere zu denken, da dieses Nebeneinander der Pole das Wesenshafte der Seins- und Naturzustände reflektiert – Existenz, Kosmos und Natur sind von entgegengesetzten und doch verschränkten Prinzipien geprägt: Konkretes und Formloses, Kristallisation und Verflüchtigung, Sichtbares und Immaterielles, Ruhe und Dynamik, Transparenz und Opaques und somit Abstraktion und Figuration.

Im Schaffensprozess bewegt sich Gabriele Angel Leinenbach nicht nur frei zwischen den malerischen Ausdrucksmöglichkeiten, sondern arbeitet gleichzeitig an unterschiedlichen Werkserien, um Bildideen im Fluss halten zu können.

Ein beständiges Element tritt allerdings bei vielen Bildserien in den Vordergrund: Die Verwendung von Gold. Durch alle Jahrtausende hindurch hat kaum ein Metall die Menschheit aller Kulturen so in den Bann gezogen wie das Gold. Viele Werke, die Berühmtheit erlangt hatten erstrahlen in Gold:

Denken wir nur an die goldene Toten-Maske des Tutanchamun auf der einen Seite oder Gustav Klimts Meisterwerk Der Kuss auf der anderen Seite. In beiden Werken spielt das Gold eine ehrerbietenden Rolle: Im ersten Fall ist es die Stellung des jungen verstorbenen Königs und im zweiten Fall ist des die Liebe zwischen zwei Menschen, die Klimt in Gold taucht.

Denken wir an dieser Stelle nochmals an Goethe: „…und golden schön…“. 

Und hier schließt sich der Kreis: Von der Unendlichkeit des Raumes kommen wir zurück zu den Berggipfeln und Johann Wolfgang von Goethe, der einst sinnend meinte: „Berge sind stille Meister und machen schweigsame Schüler“. Er meint damit das Gefühl des Erhabenen, das den Menschen durchdringt, wenn er sich im Angesicht der sublimen Kraft und Ruhe der Natur wiederfindet.

Auf dem Gipfel öffnet sich der Blick und weitet sich der Horizont. In der Kontemplation dieser Größe wird der Mensch als Individuum seiner Nichtigkeit gewahr. Aber er erkennt auch, ein Teil dieser Naturkräfte zu sein. Sie spiegelt sich in ihm. Für einen Moment wird der Mensch durchfegt von Gefühl der inneren Größe und der enormen Freiheit, die einem – so Schopenhauer – los löst vom Wollen und der Ruhelosigkeit.

 

 

Pressetext zur Kunstmesse, Frauenmuseum Bonn

 – Marija Herceg, Kunsthistorikerin – 

Gabriele Angel Leinenbachs serielle Gold-Werke verbinden den Reiz der Synthese unterschiedlicher Materialien und Verfahrensweisen: Neben Acrylfarbe nutzt sie goldene Schlagmetall-Blätter – mal in geometrischer Genauigkeit, mal in abstrakter Formsprache geklebt – für ihre Bildwelten. Ihre Gemälde erscheinen so nicht nur gemalt, sondern gleichsam gebaut. G. Angels Arbeiten erweitern das Verständnis der Malerei, indem sie den Malgrund nicht nur als einfaches Tableau begreift, sondern mit den Goldblättchen neue Räumlichkeiten schafft: Durch die Spiegelung auf der Hochpolitur sind ihre Werke einem ständigen Wandel ausgesetzt. Sie zieht den Raum, Bewegung, Licht und Schatten ins Bildinnere.

 

 

 

  – Marija Herceg, Kunsthistorikerin –

Auf tiefblauem Grund – an manchen Stellen kippt das Blau schon ins Schwarz – erhebt sich die Istanbuler Sykline im Bild „Goldrausch Istanbul“. Wie eine EKG-Kurve schwingt sich der Puls des Lebens auf, stellt sich der dunklen Nacht entgegen. Es flirrt, es bewegt sich – die Stadt, ein einziges Lichterband.

Gabriele Angel Leinenbachs Serie der Stadtansichten zeigen Metropolen wie Sydney, New Yorks Manhattan, Dresden oder Tokio. Weiterführend widmet sich die Künstlerin auch den urbanen „Ikonen“ und setzt Roms Kolosseum oder den Pariser Eiffelturm losgelöst und fragmentiert ins Bild.

Die Stadtansichten leben vom Kontrast: Auf den monochromen, satten Acrylflächen des Hintergrunds legt sie in geometrischer Genauigkeit goldene Schlagmetall-Blätter, die die strengen Architekturformen nachbilden, aneinander. Ihre Gemälde verharren aber nicht im Statischen: Sie verändern sich unablässig, machen sich die Bewegungen von außen zum Komplizen, tragen Licht und Schatten ins Innere der Bilder. Die Stadtansichten erscheinen nicht nur gemalt, sondern „gebaut“. Gleichsam der Stadt, die von Menschenhand errichtet wurde, formen sich die imposanten Silhouetten urbaner Architektur.
Die Natur, die Einheit von Nacht und Himmel, wird bei „Goldrausch Istanbul“ entzweit. Dass Gabriele Angel Leinenbach ihre Stadtansicht „baut“, ihnen auch eine plastische Dimension zuteil werden lässt, versinnbildlicht sich ebenfalls in der Materialwahl. Metalle sind für die Menschen seit Urzeiten wichtiger Werkstoff und beschreiben die Menschheitsentwicklung – man bedenke allein die Bezeichnungen der Zeitalter Bronze- oder Eisenzeit.

Durch den goldenen Hochglanz des Schlagmetalls entsteht eine monochromierte Oberfläche, die sich durch Spiegelung ständig verändert.

Die quadratische Gitterstruktur der einzelnen Metallblätter bleibt dennoch in allen Werken sichtbar, bindet die Stadt in ein Raster und zeigt die Konzentriertheit der Künstlerin auf die klare, geometrische Form des Quadrats, die unweigerlich an Yves Kleins Monogold-Tafeln aus Echtgold denken lässt. Die Begegnung mit dem Werk Kleins stellt für Angel Leinenbach, wie sie selbst sagt, die Zuwendung von Farbe und Fläche dar: Der Mensch wird hier nicht mehr porträtiert wie in ihren früheren Arbeiten, sondern erfährt lediglich mit der Reflexion auf der Oberfläche eine andere Form der Darstellung. Der Betrachter “spiegelt” sich in den Bilder wider. Die Stadt – als Sinnbild der modernen Welt – hält so dem Menschen, der sich andeutungsweise in der Reflexion wiederfindet, einen Spiegel entgegen. Das schlichte Schlagmetall, welches die Wertigkeit des Goldes nachahmt, versinnbildlicht dabei William Shakespeares „Nicht alles, was glänzt, ist Gold“, sagt die Malerein über ihre Materialwahl. Die Monogold-Tafeln von Yves Klein waren Mitte des 20. Jahrhunderts als Bild gewordene Kritik am kapitalistisch organisierten Kunstmarkt entstanden.

In den Bildern der Künstlerin wird der vorgegaukelte schöne Schein der Fassaden gezeigt: Die Stadt glänzt, zeigt sich in einer goldener Einheit und verzerrt doch die Realität.
Der Umraum, den Angel Leinenbach einbindet, unterwirft die Werke einem ständigen Wandel. Dagegen stemmt sich die Komponiertheit der klaren Linien, Flächen und Formen, die die Darstellung des Menschen an sich aber schuldig bleibt. Der Mensch tritt nur als Erbauer der Städte auf. Das Produkt steht im Vordergrund, nicht der Erbauer selbst. Nur eine vage Oberflächen-Spiegelung lässt den Menschen erahnen.

Die Künstlerin überlädt ihre Bilder nicht formal. Die Kompositionen sind reduziert. Doch durch Spiegelung schafft die Malerin immer neue Formen, die sie nicht gegenständlich ins Bild zwingt. Allein durch die bewegte Oberfläche des Materials gelingt es ihr, die stetige Veränderung zu verbildlichen.
Eine Weiterführung der Serie sind ihre Landschaftsbilder wie „Goldrausch Wilder Kaiser“. Das Gemälde bedient sich der gleichen Materialien, zeigt dieses Mal aber keine Stadt, sondern den markanten Gebirgszug in Tirol. Die Natur wird nun nicht mehr von einer Skyline entzweit. Stattdessen erhebt sich auf dem Großformat der Berg auf erdigen Grund. Erneut nutzt die Künstlerin goldene Schlagmetall-Blättchen, um die Formen durch Reflexion zu steigern. Diesmal aber sind die Flächen nicht geometrisch genau, sondern ahmen die geologisch-tektonischen Formen der Erdoberfläche, die sich gegen die Meere behaupten, nach. Licht, Schatten, Bewegung dienen vornehmlich der Steigerung der natürlichen Form. Der Mensch ist nicht Erbauer, sondern ordnet sich der Natur – als größte Schöpfung – unter. „Der Mensch neigt dazu, sich zu überhöhen“, findet die Künstlerin. Bei „Goldrausch Wilder Kaiser“ aber übernimmt die Natur die Regie.